Die Welt des Tony Cragg

*9. April 1949 Liverpool, lebt und arbeitet in Wuppertal




»Ich bin ein Materialist.«
[Tony Cragg]

Leben

Tony Cragg arbeitete 1966-1968 als Labortechniker in einem Forschungslabor für Biochemie. 1969 wandte er sich der Kunst zu. Er belegte einen Grundkurs am Gloucestershire College of Art and Design, Cheltenham, und besuchte die Malklasse der Wimbledon School of Art. 1973 wechselte er an das Royal College of Art, London. Sein Interesse begann sich vom Malerischen zum Plastischen zu verlagern. Nach Abschluss seines Studiums 1977 zog er noch im selben Jahr nach Wuppertal um und hatte erste Ausstellungen. 1979 widmete ihm die Lisson Gallery seine erste Einzelausstellung. Cragg unterrichtete von 1978 bis 2001 an der Kunstakademie Düsseldorf, von 1988 bis 2001 als Professor. 2001 übernahm er eine Professur an der Universität der Künste, Berlin. 2006 ging er wieder an die Kunstakademie Düsseldorf zurück, um sich stärker seiner künsterlischen Arbeit widmen zu können. In seinem Atelier bei Wuppertal beschäftigt er 20 Mitarbeiter, arbeitet manchmal an 30 Projekten gleichzeitig. Cragg lebt nun seit über 30 Jahren in Wuppertal. Im September 2008 eröffnete er dort seinen Skulpturenpark Waldfrieden, der seine Kunst zeigt, aber auch Ausstellungen zu anderen internationalen Bildhauern. Von Mai 2009 bis Juli 2013 war Cragg Rektor der Kunstakademie Düsseldorf. Cragg ist Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und Künste (seit 2009).

Von der Faszination des Materials

Viele von Craggs frühen Arbeiten sind aus Fundstücken gemacht, entsorgten Baumaterialien und Haushaltsmüll. Seither gilt Tony Craggs besondere Faszination nicht den natürlichen, sondern den artifiziellen, von Menschen hergestellten Materialien. Erst später entdeckte er traditionelle Materialien wie Bronze, Glas, Eisen und Stein für sich.

Tony Cragg experimentiert mit Materialien: neben den tradionellen Materialien verwendet er beispielsweise Wachs, Polyester, Karbon oder auch Aramidfasern (Kevlar), der bei Schutzhelmen, schusssicheren Westen oder Panzerungen für Fahrzeuge eingesetzt wird. Cragg nennt seinen Ansatz selbst "formales Denken mit Materie".

Wenn ich die Arbeit an einer Skulptur beginne, dann weiß ich nie, was am Ende dabei herauskommt. Die Spannung zwischen Labilität und Stabilität, die vibrierende Energie des Materials soll zum Ausdruck kommen. [Tony Cragg, 2007]

Organisch-technische Formensprache

In den 1970ern stellt Cragg seine Skulpturen mittels Techniken wie Stapeln, Spalten und Zerquetschen her. Die einzelnen Teile sortiert er, kompiliert und setzt sie - häufig in Ebenen - neu zusammen. Form und Material bedingen sich gegenseitig.

1989 verfremdet Cragg in der monumentalen Bronzeplastik "Trilobiten" einen ausgestorbenen Urkrebs, indem er dem zerklüfteten qualligen Körper nach innen glatt gerundete Gefäße einsetzt. In der sich anschließenden Entwicklung der sogenannten Early Forms - Frühformen der Entwicklung des Lebens - thematisiert er die Konfrontation und Verschmelzung früher, geschmeidiger, natürlicher Formen mit vom Menschen geschaffenen, künstlichen Formen.

Die Early Forms mischen sich anschließend mit den Stapelungen zu Volumenschichtungen ("columns" oder "Wirbelsäulen") - Formenungetüme, die durch ihre Einschnürungen und durch die schwankende Mittelachse labil, ja geradezu zähflüssig, wirken. Form und Oberfläche wirken wie durch Erosion geschaffen und feingeschliffen. In seinen, daraus abgeleiteten, jüngsten Säulen aus der Serie der "Rational Beings" nimmt der Betrachter, während er die Skulptur umschreitet, aus verschiedenen Perspektiven verschiedene Gesichter wahr, die erscheinen und wieder verschwinden.

Das Wesen von Tony Craggs Skulpturen ist der Wandel. Entstehung und Wahrnehmung sind prozesshaft, und als solche sind sie lebendige Vorgänge. Vor allem deshalb sind die Skulpturen von Tony Cragg Zeichen des Lebens. [Bonner Kunst- und Ausstellungshalle, 2003]

Gleichzeitig erinnern viele seiner Skulpturen im Hinblick auf Form und Oberflächenstruktur an Werkstücke aus dem Maschinen- oder Anlagenbau. Cragg schafft Formenzwitter zwischen Natürlichem und Künstlichem.

Bewegung und Materie werden kondensiert und verkapselt in die synthetische Form, während einen die synthetisch-perforierten Oberflächen in den Bereich der zellulären oder molekularen Biologie zurückzuwerfen scheinen. [Alice Panel, 2006]

Viele seiner Formen spielen mit Hohlräumen, die mal als eine Art von Gefäß, mal als Einstülpung daherkommen, wieder ein anderes Mal mit dem Skulpturenkörper derart verwickelt sind, dass den Skulpturen ein Zentrum, sozusagen das Innere fehlt.

...wie "gemorphte" allgemeine Materialien, umgestaltet zu Skulptur, sukzessiv Bedeutung bald ausrotten und bald akzentuieren. Durch dieses Überarbeiten der Form scheint die Bedeutung von Tony Craggs Arbeit zugleich fremd wie vertraut: ein Gespräch entwickelt sich zwischen Skulptur und Betrachter, weil vom Letzteren gefordert wird, den Ursprung und Gebrauch sowohl des Materials als auch der Form zu befragen. [Alice Panel, 2006]



Auszeichnungen und Ehrungen

1982 documenta 7 (ebenso documenta 8, 1987)
1988 Turner Prize, London
repräsentiert Großbritannien auf der 43. Biennale von Venedig
1989 Co-Direktor der Kunstakademie Düsseldorf
1989 Von-der-Heydt-Kulturpreis, Wuppertal
1992 Chevalier des Arts et des Lettres
1994 Mitglied der Royal Academy, London
2001 Mitglied der Akademie der Künste Berlin
Shakespeare Preis, Alfred-Toepfer-Stiftung, Hamburg
Commander of the Order of the British Empire (CBE, dritte Stufe des britischen Ritterordens)
2002 Piepenbrock Preis für Skulptur, Berlin
2005 Preis für nicht-chinesische Künstler, 2. Biennale Peking
2007 Praemium Imperiale, Japanische Kunstvereinigung
2008 Ehrenring der Stadt Wuppertal
2009 Miglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste
2012 Bundesverdienstkreuz 1. Klasse;
Cologne-Fine-Art-Preis
2013 Großen Kulturpreis der Sparkassen-Kulturstiftung Rheinland


Literaturhinweise

[WRMR 98] Alexander Wetzig, Barbara Renftle, John McCormack u. Brigitte Reinhardt: Tony Cragg - Spiel nach draussen. Skulpturen im öffentlichen Raum. Hrsg. Brigitte Reinhardt, Ulmer Museum; Cantz Verlag, 1998. (Ausstellungskatalog, 87 Seiten)
[KAH 03] Tony Cragg - Signs of Life. Richter Verlag, Düsseldorf, 2003, 552 Seiten (Ausstellungskatalog der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle, Werküberblick mit ca. 500 Abbildungen und zahlreichen Aufsätzen seit 1981)
[BC 07] Christoph Brockhaus u. Tony Cragg: Tony Cragg. In and Out of Material. Verlag der Buchhandlung König, 2007, 288 Seiten, 403 (171 farb.) Abbildungen (Katalog zur Ausstellung "Tony Cragg - das Potenzial der Dinge" an der Akademie der Künste Berlin und im Lehmbruck-Museum Duisburg. Konzentriert sich auf das Werk während der Berliner Jahre)


Weblinks




Dr. Emden-Weinert created: 2009/4/9, last changed: 2014/07/20