Die Welt des Richard Serra

*1939 San Francisco



Leben und Werk


Während seines Studiums der englischen Literatur in Berkeley und Santa Barbara (1957-1961) jobbte Serra in Stahlwerken, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Neben dem Studium der bildenden Kunst (1961-1964) an der Yale University in New Haven/Connecticut arbeitet er mit Josef Albers an dessen Buch "Interaction of Color" (1963).

Mitte der 1960er Jahre experimentieren Richard Serra und andere amerikanische Künstler mit industriellen Werkstoffen wie Blei und Gummi. 1966 fertigte Serra seine erste Skulpturen aus Fiberglas und Gummi. Von 1968 bis 1970 führte eine Reihe von "Platsch"-arbeiten aus, in denen geschmolzenes Blei in Kante zwischen Wand und Boden geworfen oder gegossen wurde. Er wird aufgrund dieser frühen Arbeiten oft der Prozesskunst zugerechnet.

Besser bekannt ist Serra jedoch für seine minimalistischen Konstruktionen aus Stahlplatten, die - extrem reduziert in der Form - das für die moderne Welt so bedeutsame Material als solches zur Schau stellen und Techniken der Stahlverarbeitung thematisieren.

Serra lebt und arbeitet in Tribeca / New York und auf Cape Breton Island / Nova Scotia (Kanada).



Wirkweise seiner Stahlskulpturen

"Im Grunde möchte ich Skulpturen machen, die für eine neue Art von Erfahrung stehen,
die Möglichkeiten von Skulptur eröffnen, die es so bislang nicht gab." [Richard Serra]

Serras Arbeiten stehen für die suchende Erkundung der Beziehung zwischen der Arbeit, dem Besucher und dem Ort. Der Besucher ist nicht als passiver Betrachter, sondern als aktiver Beteiligter gefordert.

Die vertikalen Außenraum-Props (z.B. Terminal, Fulcrum oder Torque) funktionieren durch eine Balance der gewichtigen Stahlplatten, die ihren Halt lediglich dadurch finden, dass sie sich gegenseitig stützen. Die Frage, ob die lose aneinander lehnenden Stahlplatten denn zur Sicherheit doch vielleicht verankert oder irgendwo verschweißt wären, fordert vom Besucher, die Arbeit von allen Seiten zu begutachten. Das Tragen, Lasten und Balancieren der enormen Gewichte wird verstandesmäßig erfahrbar.

Die vertikalen Außenraum-Props bilden - wie ein Zelt - einen abgeschirmten Innenraum, der zur Begehung einlädt. Der Kunstspaziergänger, der sich darauf einlässt, erfährt einen sehr privaten Raum - inmitten des lauten öffentlichen Stadtraumes ringsum.

Bei Arbeiten aus durch Walzen gekrümmten, selbsttragenden Stahlplatten (z.B. Intersection, Viewpoint und insbesondere The Matter of Time) geht es Serra um die Emotionen und die befreienden bzw. beklemmenden Empfindungen, die der Besucher beim Begehen erfährt.



Rezeption seiner Stahlskulpturen

Serras Stahlskulpturen für den öffentlichen Raum führten regelmäßig zu scharfen Reaktionen.

1977 etwa konzipierte er für die Documenta VI in Kassel das Werk „Terminal“, vier trapezförmige Platten aus wetterfestem Stahl (COR-TEN-Stahl). Vor dem Fridericianum, dem zentralen Ausstellungsgebäude, aufgestellt, wurde es zum „Wahrzeichen“ dieser Documenta. "Nach langen Verhandlungen und begleitet von heftigen Protesten wurde „Terminal“ von der Stadt Bochum 1979 erworben und schließlich an dem von Richard Serra favorisierten Standort, einer Verkehrsinsel am Bochumer Hauptbahnhof, installiert. Die CDU machte im Landtagswahlkampf eine Kampagne gegen die Installation in Bochum. Der damalige Kandidat Kurt Biedenkopf hielt direkt vor der Plastik am Bochumer Hauptbahnhof eine Rede, in der er deren Abriss ankündigte." [Quelle: Wikipedia]

Im selben Jahr erhielt Serra im Rahmen des „Art in Architecture Program“ der U.S. General Services Administration den Auftrag für eine ortsspezifische Skulptur auf dem „Federal Plaza“ in New York. Das Werk „Tilted Arc“, ein 37 m langer und 3,5 Meter hoher, etwas geneigter Stahlbogen, 1981 fertiggestellt, war so plaziert, dass sich vorbeilaufende Menschen damit formal und optisch auseinandersetzen mussten. Vom ersten Tag an gab es, insbesondere von Seiten der in den umliegenden Büros Arbeitenden, Beschwerden, dass die Skulptur sowohl die Sicht als auch die Überquerung des Platzes teilweise blockiere bzw. verhindere. Es gab Protestaktionen und eine öffentliche Anhörung kam 1985 zu dem Schluss. dass das Kunstwerk entfernt werden sollte. Serra aber wand ein, dass die Skulptur ortspezifisch sei und nicht einfach an einem anderen Platz aufgestellt werden könne. Seine Feststellung "Das Werk zu entfernen heißt, es zu zerstören" wurde später oft im Zusammenhang mit ortspezifischer Kunst zitiert. Im März 1989 schließlich wurde die Skulptur von bundesstaatlichen Arbeitern abgebrochen und wie Schrott entsorgt.

Gegner sagen üblicherweise, dass Serras Arbeiten die Umgebung weniger ansprechend machen. Die, die ihn bewundern, wiederum sagen, dass er - mit industriellen Mitteln - eine neue Art Schönheit entstehen lässt und dass seine Skulpturen, auf den erste Blick starr, in Wirklichkeit dynamisch sind und damit die Steifheit der urbanen Räume aufbrechen. Trotz ihrer Masse besitzten diese Skulpuren oft eine visuelle Spannung, die die Umgebung in Bewegung setzt.

Dass seine Skulpturen in der Regel nicht von einem einzigen Ort aus gesehen werden, setzt beim Betrachter einen aktiven Beobachtungsprozess in Gang, das Werk und den Ort zu erkunden. "Spin out" im Kröller-Müller Museum, beispielsweise, besteht aus drei Stahlwänden, die aus den umgebenden Hängen eines kleinen Landschaftskessels auftauchen und die gerade nicht genau auf einen gemeinsamen Punkt weisen: das lässt beim Beobachter, der inmitten des Kessels steht, einen dynamisch-zentrifugalen Effekt entstehen.

In seinen Stahlskulpturen lässt Serra das Industriell-Gewichtige in einer überraschenden Eleganz auftreten. Es ist gerade die Verbindung von faktischer Sperrigkeit und illusionärer Leichtigkeit, die diese Arbeiten so faszinierend macht.

[Sinngemäß aus dem Englischen, Quelle: De Pont Museum of Contemporary Art, Tilburg/Niederlande]

"Eine edle Einfalt, eine stille Grösse" [Johann Winckelmann (1717 - 1768)]

Diese Formel stellte Winckelmann dem Verspielten, Überladenen und Allegorischen des Barock und Rokoko entgegen. Für ihn war es die höchste Aufgabe der Kunst, die Schönheit darzustellen. Sein Bild der römischen und griechischen Antike beeinflusste sehr wesentlich den Geist des deutschen Klassizismus.



Ehrungen und Preise

1964/65 Paris-Aufenthalt mit einem Stipendium der Yale University
1966 Einjähriger Aufenthalt in Florenz mit einem Fulbright-Stipendium
1970 Teilnahme an der Biennale von Tokyo; Guggenheim-Stipendium
1975 Skulpturenpreis der Skowhegan School of Painting and Sculpture
1972 Teilnahme an der documenta 5, Kassel (mit der Arbeit Circuit)
1977 Teilnahme an der documenta 6, Kassel (mit der Arbeit Terminal)
1981 Goslarer Kaiserring
1983 Einzelausstellung im Centre Pompidou, Paris
1984 Einladung zur Biennale von Venedig
1985 Carnegie-Medaille
1986 Retrospektive im Museum of Modern Art, New York
1987 Teilnahme an der documenta 8, Kassel (mit den Arbeiten Street Level und Spiral Sections)
1991 Wilhelm-Lehmbruck-Preis für Skulptur der Stadt Duisburg
1992 Retrospektive im Centro de Arte Reina Sofia, Madrid;
Preis des Sculpture Center, New York
1994 Praemium Imperiale
1998 Einzelausstellung im MOCA Museum of Contemporary Art in Los Angeles
1999 Einzelausstellung im Museum Guggenheim Bilbao
2001 Einladung zur Biennale von Venedig
2003 Ernannt zum Mitglied des Ordens Pour le Mérite für Wissenschaften und Künste
2007 Retrospektive im Museum of Modern Art, New York
2008 Ernannt zum Commandeur de L'Ordre des Arts et des Lettres
2010 Prinz-von-Asturien-Preis für die Künste
2014 Alexej-von-Jawlensky-Preis der Landeshauptstadt Wiesbaden

Serra wurde in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen ebenso wie in die Akademie der Künste Berlin.

Für eine ausführliche Biografie siehe z.B. bei



Literaturhinweise

[Bro 1994] Christoph Brockhaus (Hrsg.): Richard Serra. Props. Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg, Düsseldorf 1994. (mit Texten von Rosalind Krauss, Manfred Schneckenburger, Richard Serra)
[SFFMW 1998] Richard Serra, Hal Foster, Russell Ferguson, Anthony McCall, Clara Weyergraf-Serra: Richard Serra. Sculpture 1985-1998 (Ausstellungskatalog). The Museum of Contemporary Art, Los Angeles 1998.
[MCRB 2007] Kynaston L. McShine, Lynne Cooke, John Rajchman, Benjamin H. D. Buchloh: Richard Serra - Sculpture: Forty Years (Ausstellungskatalog Museum of Modern Art, New York). Thames & Hudson, 2007, 420 Seiten, 26,9 x 25,9 x 4,6 cm (in Englisch)
[Oet 1999] Barbara Oettl: Schwere Kunst nach Maß: Betrachterfunktionen bei ausgewählten Blei- und Stahlskulpturen im Werk von Richard Serra. LIT Verlag, Münster, 2000. [Magisterarbeit an der Universität Regensburg, 1999]


Weblinks




Dr. Emden-Weinert created: 2009/1/8, last changed: 2016/04/16