Die Welt des Norbert Kricke

*30. November 1922 Düsseldorf; 28. Juni 1984 ebd.



Leben und Werk

Seine Skulpturen (..) thematisieren die Geschwindigkeit und Energie im Raum und ermöglichen eine neue Erfahrung von räumlicher Offenheit und Unbegrenztheit.
[Text: Skulpturenpark Waldfrieden, 2011]

Kricke wuchs in Berlin auf. 1946 wurde er Meisterschüler vn Richard Scheibe an der dortigen Akademie. Nach der Heirat mit Hertha Schottky siedelte 1947 über nach Düsseldorf, wo er seither als freischaffender Bildhauer arbeitete. 1949/50 entstehen erste Raumplastiken, offene Konstruktionen aus rechtwinklig gebogenem Draht. Die Linienführung ist noch geschlossen, die Drähte gründen noch im Sockel. 1953 tauchen erste frei schwingende Kurvenlinien auf [WKG 2006]. Im Unterschied zu den flächendefinierenden Linien der konstruktivistischen Plastik der 1930er und 1940er Jahre, die oft mathematisch-geometrisch begründet sind, entwickelt Kricke seine Linien intuitiv, freien Kraft- und Bewegungslinien gleich. Gleichwohl sind auch seine Konstruktionen vom Betrachter - über den materiell fassbaren Ausschnitt hinaus - in den unendlichen Raum fortgesetzt zu denken. Und gleich wie jene sind sie weniger für die Hand als für das Auge und die Imagination bestimmt. In seinem Spätwerk ab 1975 reduziert Kricke seine Konstruktionen radikal auf eine einzelnes weißes Rohr, das - wie bei seinen allerersten Skulpturen - zunächst wieder ausschließlich in rechten Winkeln durch den Raum führt, um schließlich, beiderseits, ins Unendliche zu weisen.

Nicht das Begrenzte, auch nicht das Fragmentarische waren Fixpunkte, sondern eine Bewegung sollte fortgeschrieben werden, sie sollte den Raum weiterführen. Die Bewegung war der Anfang eines Kontinuums, das ins Unendliche reichte.
[Rolf-Gunter Dienst 1984]

1959 ist Kricke mit der "Großen Kasseler" an der documenta II in Kassel beteiligt, 1962 auf der Weltausstellung in Seattle, 1964 stellt er (zusammen mit dem Maler Joseph Fassbender) im deutschen Pavillon auf der XXXII Biennale di Venezia aus (Kommissar: Eduard Trier). Mit der "Großen Mannesmann" ist Kricke 1964 an der documenta III in Kassel beteiligt. Noch im selben Jahr beruft ihn die Staatliche Kunstakademie Düsseldorf auf einen Lehrstuhl für Bildhauerei. 1972 übernahm Kricke - in der Nachfolge von Eduard Trier - die Leitung der renommierten Akademie (bis 1981). Unter seinem Direktorat wurden u.a. Gerhard Richter, Nam June Paik, Klaus Rinke, Günther Uecker, Werner Spieß, James Stirling oder Eugen Gomriger berufen, Tony Cragg erhielt eine Gastprofessur.



Auszeichnungen und Ehrungen

1958 Preis der Graham Foundation for Advanced Studies in Fine Arts, Chicago
[auf Vorschlag von Sigfried Giedion und Ludwig Mies van der Rohe]
1963 Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Bildhauerei
1971 Wilhelm-Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg


Einzelausstellungen (Auswahl)

Zu den mit »K« gekennzeichneten Ausstellungen erschien ein Katalog.

1953 Gustl Böhlers Galerie »Ophir«, MünchenK (Text: John A. Thwaites)
1954 Galerie »Parnass«, Wuppertal (von John A. Thwaites eröffnet)
1955 Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, DüsseldorfK; Städtische Galerie Istanbul
1957 Galerie Iris Clert, ParisK (Text: Carola Giedion-Welcker); Kunstverein FreiburgK
1960 Kunsthalle Bern (zusammen mit Bernhard Luginbühl und Jean Tinguely)K
1961 Museum of Modern Art, New YorkK (Text: Carola Giedion-Welcker)
Die erste einem Deutschen gewidmete Ausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg im MoMA.
1975 Wilhelm-Lembruck-Museum der Stadt Duisburg / Städtische Kunsthalle DüsseldorfK
1976 Staatsgalerie Stuttgart / Westfälisches Landesmuseum, MünsterK
1980 Städelsches Kunstinstitut, Frankfurt am MainK; Moderne Galerie Quadrat BottropK
2006 museum kunst palast, DüsseldorfK
2011 Skulpturenpark Waldfrieden, Wuppertal
2012 Museum Liner AppenzellK


Literaturhinweise

[WKG 2006] Stephan von Wiese, Sabine Kricke-Güse (Hrsg.): Norbert Kricke: Plastiken und Zeichnungen, Eine Retrospektive. Richter Verlag, Düsseldorf, 2006 [anlässlich der Ausstellung im museum kunst palast Düsseldorf vom 9. September 2006 bis 7. Januar 2007] [Buchbesprechung]
[Eng 2006] Günter Engelhard: Der Zeus vom Rhein. art-magazin, 9/2006 [anlässlich derselben Ausstellung]
[Die 1984] Rolf-Gunter Dienst: Raum und Freiheit - Zum Tode des Bildhauers Norbert Kricke.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. 7. 1984 (Nachruf)
[Tri 1963] Eduard Trier: Norbert Kricke. Monographien zur rheinisch-westfälischen Kunst der Gegenwart, Band 28, Hrsg. Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Verlag Aurel Bongers, Recklinghausen, 1963.



Thomas Emden-Weinert created: 2013/4/4, last changed: 2013/4/4