Die Welt des Hans Arp

*16. September 1886 Straßburg †7. Juni 1966 Basel




Leben und Werk

Während seines Studiums an der Kunstgewerbeschule in Straßburg 1904 veröffentlicht Arp seine ersten Gedichte. Von 1904 bis 1908 studiert er an der Kunstschule Weimar und an der Académie Julian in Paris bildende Kunst.

Auf Einladung von Wassily Kandinsky hin beteiligt er sich 1912 am Almanach "Der Blaue Reiter". Nach Kriegsbeginn 1914 emigriert Arp, angewidert ("höllischen Spuk irdischer Verwirrung"), über Paris ins neutrale Zürich. Seine pazifistische Haltung bekundet er öffentlich.

Zusammen mit den deutschen Dichtern Hugo Ball, Emmy Ball-Hennings, Richard Huelsenbeck und den Rumänen Tristan Tzara und Marcel Janco veranstalt er 1916 regelmäßig ein dadaistisches Kabarett. Hieraus entsteht die Dada-Bewegung ("Dada" - französisch für Steckenpferdchen), die sich als Protest gegen bestehende gesellschaftliche und ästhetische Normen versteht, die die Künstler mit unkonventioneller ironischer Provokation überwinden wollten.

1915 lernt er in Zürich die Schweizer Kunstgewerbelehrerin Sophie Taeuber (*1889 Davos †1943 Zürich), seine spätere Frau, kennen. Es entstehen gemeinsame Klebe-, Webe- und Strickarbeiten sowie Papiercollagen. 1917 fertigt er seine ersten Holzreliefs an; dazu klebt er verschiedenfarbige - häufig einfarbige -, kurvig-rund geformte Holztafeln schichtenförmig übereinander: von der Art her weder (reine) Skulptur, noch (reine) Plastik, noch Malerei. Die Formensprache, die Arp in diesen Schweizer Jahren entwickelt, sollte auch für sein späteres Werk maßgeblich bleiben.

Nach dem Krieg lässt sich Arp 1919 in Köln nieder. Eine Freundschaft mit Max Ernst entsteht. 1922 heiratet er, im Tessin, Sophie Taeuber.

Anfang der 20er Jahre wendet sich Arp verstärkt dem Surrealismus zu, bleibt aber mit seinen Arbeiten abstrakt. Arp arbeitet mit Kurt Schwitters (Hannover) zusammen. Er ist Mitverfasser des Ersten Surrealistischen Manifests (Paris, 1924) und nimmt im Jahr darauf an der ersten „Surrealisten“-Ausstellung in Paris teil. 1926 lässt er sich in Meudon - dem heutigen Clamart - bei Paris nieder und nimmt noch im selben Jahr die französische Staatsbürgerschaft an. 1929 ziehen er und seine Frau in ein eigenes, von ihr geplantes Haus in Meudon-Val-Fleury / Clamart. In der Galerie Goemans, Paris, hat er noch im selben Jahr seine erste Einzelausstellung Reliefs. Auf einer Reise mit Sophie Taeuber-Arp, Robert und Sonia Delaunay nach Carnac beeindrucken ihn die prähistorischen Druidensteine und Dolmen tief.

1930/31 entstehen seine ersten Vollplastiken aus Holz, Marmor und Bronze. Die weich geformten, biomorphen Formen erinnern an die Natur, ohne sie nachzuahmen.

Nous ne voulons pas copier la nature.
Nous ne voulons pas reproduire, nous voulons produire.
Nous voulons produire comme une plante qui produit un fruit et ne pas reproduire.
Nous voulons produire directement et non par truchement.
- Comme il n'ya pas la moindre trace d'abstraction dans cet art nous le nommons: art concret.
[Hans Arp]

Dass Arp die Natur als 'Maß aller Dinge' begriff, spiegelt sich in seinem Oeuvre wider. Den Zufall und die Metamorphose, den Wandel der Formen, erklärte er zu seinen Gestaltungsprinzipien. Arp gilt heute als Pionier einer organisch-abstrakten Formensprache.
[Arp Museum Bahnhof Rolandseck]

Das Material Gips, mit dem Arp gern arbeitete, kommt seiner Formensprache mit ihren Rundungen und Bäuchen sehr entgegen: so kann man einer Gipsfigur plastisch Material hinzufügen, also anheften, um es im nächsten Schritt - beispielsweise durch Schleifen - wieder abzutragen. Es entsteht eine "uferlos gleitende Oberfläche" (Arie Hartog), deren Haptik nicht weniger bedeutsam ist als die Optik der am Ende entstandenen Form. Auf Seiten des Betrachters evoziert die unbestimmte plastische Form je eigene Bildvorstellungen; deren Wachsen und Werden im gedanklichen Prozess spiegelt in gewisser Weise den Begriff der 'Konkretion' auf Seiten des Künstlers. Oft erst später, z.B. wenn ein Käufer gefunden war, entschied Arp, ob eine Skulptur schließlich in Bronze oder in Stein zur Ausführung kommen sollte. Daneben arbeitete Arp auch in der Art "taille directe" in Stein.

1931/32 schließen er und seine Frau sich der französischen Künstlergruppe "Abstraction-Création" an. Gemeinsam lernen sie in Basel Marguerite Hagenbach (*1902 †1994) kennen, die ihre Freundin und Sammlerin ihrer Werke wird. Sie lädt die beiden immer wieder in das Ferienhaus ihres Vaters in Ascona ein. 1939 ändert Arp - aus Protest gegen das Nazi-Regime - seinen Namen in Jean Arp. 1940 wurden Arps Werke von den Nationalsozialisten als entartete Kunst eingestuft. Er und seine Frau flüchten zunächst in die Dordogne, 1942 in die Schweiz. Sie finden Unterkunft bei Max Bill in Zürich; Sophie stirbt 1943 in seinem Haus durch eine Kohlenmonoxidvergiftung, was Arp in eine tiefe Krise stürzt. Bis 1947 entstehen keine neuen Skulpturen. 1945 kehrt Arp nach Meudon zurück, Marguerite Hagenbach geht mit ihm, wird seine Lebensgefährtin und kümmert sich um Korrespondenz und das Geschäftliche.

1949 hat Arp seine erste Einzelausstellung in den USA in der Buchholz Gallery, New York. In den 50er Jahren erhält Arp mehrere Großaufträge: für die Harvard-Universität (monumentales Wandrelief in Holz, 1950), die Universität Caracas (1953) sowie für die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization), Paris (Relief, 1957). 1955 wird er zur documenta I eingeladen (ebenso wie später zur documenta II und III, 1959 bzw. 1964). 1958 widmet ihm das Museum of Modern Art, New York, eine umfassende Retrospektive. 1959 erwerben er und Marguerite Hagenbach das Anwesen Ronco dei Fiori in Locarno-Solduno, sie heiraten in Basel. Das Paar lebt nun abwechselnd in Basel, Locarno und Meudon. Das Musée National d'Art Moderne, Paris, zeigt 1962 eine groß angelegte Retrospektive zu Arps Werk (sie geht anschliessend nach Basel, Stockholm, Kopenhagen und London).

Im Jahr vor seinem Tod schenken Hans und Marguerite Arp der Stadt Locarno zahlreiche Werke; sie werden zu Ehrenbürgern der Stadt ernannt. Als Arp 1966 stirbt, richtet die Stadt am Ufer des Lago Maggiore einen Park ein, den Giardini Arp. Marguerite Arp lässt 1970 sechzehn Skulpturen in Zement gießen und schenkt sie der Stadt; sie kommen in den Giardini Arp und im Parco della Pace zur Aufstellung. Nach erheblichen Witterungsschäden werden sie von 1997 bis 2000 durch Bronzegüsse und Stein ersetzt, rechtzeitig zur Schau, die im Jahr 2000 die Pinacoteca comunale Casa Rusca, Locarno, dem Künstler widmet. 1988 gründet Marguerite Arp-Hagenbach die Fondazione Marguerite Arp-Hagenbach, Ronco dei Fiori, und überträgt ihr den verbliebenen Teil ihrer Sammlung, den Nachlass Arp, Schweiz, die Bibliothek sowie das Grundstück mit dem Atelierhaus. Galeriebau mit Ausstellungsraum, Atelierhaus und Garten können Sonntag nachmittags besichtigt werden. Auch das Musée d’Art Moderne et Contemporain, Straßburg, besitzt ein größeres Konvolut von Arps Skulpturen, Grafiken und Buntglasfenstern.



Auszeichnungen und Ehrungen

1954 Internationaler Preis für Skulptur auf der Biennale von Venedig
1960 Ritter der Ehrenlegion
1961 Stephan-Lochner-Medaille der Stadt Köln
1961 Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres
1963 Grand Prix National des Arts, Paris
1964 Großer Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen
1964 Carnegie-Preis, Pittsburgh/Pa.
1966 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern


Literaturhinweise

[Fau 88] Serge Fauchereau: Arp. Rizzoli International Publications, New York, 1988.
[Französisch bzw. englische Übersetzung. 128 Seiten mit vielen farbigen Abbildungen]
[Har 12] Arie Hartog (Hrsg.): Hans Arp - Skulpturen. Eine Bestandsaufnahme. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2012.


Weiterführende Hinweise




Dr. Emden-Weinert Version 2.6 created: 2008/04/02, last changed: 2018/07/25