Die Welt des Franz Bernhard

*1934 Neuhäuser (Novo Chalupy, CZ)  †2013 Jockgrim (Pfalz)




Leben und Werk

Franz Bernhard wurde in Neuhäuser (Nové Chalupy) im Böhmerwald geboren. 1946 siedelte er über in den Landkreis Heilbronn. 1959 - 1966 studierte er an der Kunstakademie Karlsruhe Bildhauerei bei Wilhelm Loth und Werken bei Fritz Klemm. Seit 1972 lebte und arbeitete er in Jockgrim (Pfalz). Bernhard war Mitglied im Deutscher Künstlerbund, in der Pfälzische Sezession und im Künstlerbund Baden-Württemberg.

Bernhards Plastiken ist ein Moment der Augenblicklichkeit, der Haltung und Gestik inne, das an die Figur erinnert, ohne dass die Gestalt des menschlichen Körpers nachgebildet wird.

"Bernhards Figuren scheinen in den Raum zu expandieren, sich vom Boden aufzurichten, sich von Wandflächen zu lösen. Ihr räumliches Verhalten nimmt Bezug auf das grundsätzlich aktive Verhältnis des Menschen zu seinem Umfeld."
[Andrea Weber]

Die Skulptur endet also nicht an ihrer Begrenzung. Sie leitet Bewegungen ein, die sich in den sie umgebenden Raum fortsetzen. Deshalb vermag sie schon aus der Ferne wie ein Wahrzeichen zu wirken.

"Ja, ganz trocken gesprochen, geht es mir um die menschliche Figur im weitesten Sinn des Wortes, d.h. nicht [darum] den Menschen abzubilden, sondern ein Zeichen für das Wesen Mensch zu entwerfen."
[Franz Bernhard]

"Der Mensch ist Ausgangspunkt, Stimulans und Ziel meiner Arbeit. Ich strebe kein naturgetreues Abbild an, sondern so etwas wie ein anthropomorphes Zeichen. Der ‚Kopf‘ steht für den ganzen Menschen. Er ist Zentrum, von dem jede Bewegung ausgeht. Deshalb stand das Kopfthema in den letzten Jahren im Mittelpunkt meiner Arbeit."
[Franz Bernhard]

"Bei den Klassikern findet Abstraktion statt, also eine Bewegung weg von der Figur. In meiner Arbeit vollzieht sich die Bewegung eher in umgekehrter Richtung, also als Bewegung vom Ding zur Figur."
[Franz Bernhard]

Bei näherer Betrachtung erst fällt auf, dass bei Bernhards Skulpturen das Ganze bewusst aus einzelnen Blechen zusammengeschweißt ist. Die oft eckigen Formteile im Kleinen bilden die vielfach gerundete oder geschwungene Form im Großen.

"Absichtsvoll lässt er die Werkzeugspuren ungetilgt, die Schweißnähte unverschlichtet, die Fugen ungefüllt, die Metallflächen unversiegelt."
[Anselm Riedl]

Über Rost: ...die "ehrlichste Farbe der Welt". "Die Vergänglichkeit des Materials stört mich nicht. Es wird mir eher sympathischer, da Vergänglichkeit etwas Menschliches bedeutet."
[Franz Bernhard]

» ...wirkt die gespannte Stille, welche die meisten der Arbeiten des Bildhauers aufweisen, ebenso emotional auf den Betrachter wie die Ästhetik des Unvollendeten in seinem Schaffen.«
[Sabine Heilig]

Welches handwerkliche Geschick, Präzision und Technik dazu nötig sind, wird in dem Video über Bernhard deutlich, das ihn bei der Arbeit in der Schiffswerft in Speyer, mit der er seit Jahren zusammenarbeitet, zeigt. Ein Blick in das Innere einer im Werden begriffenen Plastik legt offen, wie all die Nähte der bis zu 4 cm dicken Stahlbleche mit Stegen wieder überbrückt werden müssen und die Gesamtkonstruktion von Versteifungen und Verstrebungen durchzogen ist, um die Statik der teilweise haushohen Arbeiten sicherzustellen.

"Die Drehungen seiner Arbeiten aus den Achsen; Asymmetrien, Verjüngungen und Verkantungen, … das aktive Ausgreifen vieler Arbeiten in den Umgebungsraum; … die Tendenz zur Balance, der Einbezug des Bodens und der Wand - all dies sind Franz Bernhards Mittel, integrierende Arbeiten zu schaffen, welche sehr große Spannungskontraste - sowohl formal wie inhaltlich - in sich vereinen: Allansichtigkeit und Geschlossenheit, Fragment und Integrität, … Körper und Raum, Konstruktion und Organik, Formenkonstanz und Motivvariation, Festigkeit und Labilität, Zeitlosigkeit und Verwandlung, Präsenz und Zurückhaltung, Bodenständigkeit und Aufbruch, Rationalität und Sinnlichkeit."
[Singener Kunstausstellung 2002]



Auszeichnungen und Ehrungen

1963 Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes, Bonn
1968 Villa-Romana-Preis, Florenz
1969 Villa-Massimo-Preis, Rom
1970 Wilhelm-Lehmbruck-Förderpreis der Stadt Duisburg
1971 Stipendium aus den Mitteln des Kunstpreises Berlin
1975 Pfalzpreis für Plastik, Kaiserslautern
1976 Arbeitsstipendium des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie
1977 Hans-Thoma-Preis des Landes Baden-Württemberg
1977 Teilnahme an der Documenta 6, Kassel
1980 Prix de la Ville de Mulhouse
1981 Max-Lütze-Medaille
1984 Kunstpreis der Heitland Foundation, Celle
1986 Kunstpreis des Landes Rheinland-Pfalz
1989 Lovis-Corinth-Preis
1990-1992 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin
1994-2001 Erster Vorsitzender des Künstlerbundes Baden-Württemberg (heute: Ehrenvorsitzender)
1998 Bundesverdienstkreuz
2004 Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz
2004 Verleihung der Ehrenprofessur des Landes Baden-Württemberg
2007 Erich-Heckel-Preis des Künstlerbundes Baden-Württemberg


Literaturempfehlung

[Schell 2009] Der Bildhauer Franz Bernhard.
Filme von Stefan H. Schell. DVD, modo Verlag, 2009/2014
[50 min]
[Riedl 1996] Peter Anselm Riedl: Franz Bernhard: Die öffentlichen Arbeiten.
Cantz Verlag, Ostfildern, 1996
[Rothe 1990] Franz Bernhard. Werkverzeichnis der Skulpturen 1964 bis 1989.
Hrsg. Wolfgang Rothe, Edition Rothe, Heidelberg/Frankfurt, 1990
[337 S. mit 310 ganzseitigen s/w Abbildungen, 20,5 x 21,5 cm]
[Rothe 2004] Franz Bernhard. Werkverzeichnis der Skulpturen, Band 2, 1990 bis 2003.
Hrsg. Wolfgang Rothe, Edition Rothe, Frankfurt am Main, 2004
[18 S. + 66 Bll.]
[Ruppert 2015] Franz Bernhard – Werkverzeichnis der Skulpturen, Band III, 2004 – 2013.
Hrsg: Galerie Ruppert, Birkweiler; Texte von Erich Thies, Sabine Heilig;
modo Verlag, Freiburg im Breisgau, 2015
[Hardcover, 20 x 21 cm, 180 S., 124 Abb.]
[Weber 2001] Andrea Weber: Figur und Abstraktion im Werk Franz Bernhards.
Verlag Peter Lang, Frankfurt, 2001


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Dr. Thomas Emden-Weinert created: 2009/2/26, last changed: 2015/07/09