Die Welt des Eduardo Chillida

* 1924 San Sebastián † 2002 San Sebastián



Leben und Werk

«Musik in Eisen.»
[Ein Elektriker, der Chillida anlässlich einiger Reparaturen besuchte
und von den umherstehenden Skulpturen fasziniert war.]

Eduardo Chillida Juantegui begann sein künstlerisches Schaffen mit Steinfiguren. Anfang der 1950er Jahre wand er sich der Stahlplastik zu, angeregt durch den Pionier der Metallplastik, den Spanier Julio González, der 1908 die erste Stahlplastik geschaffen hatte. Es ist sicher kein Zufall, dass er - der stets Suchende und Zweifelnde - nach längerem Aufenthalt in Paris 1951 in seine Heimat, das Baskenland, zurückkehrte: Ich bin einer von denen, die und für mich ist das sehr wichtig denken, dass Menschen von einem Ort stammen. Idealerweise stammen wir von einem Ort, haben unsere Wurzeln in einem Ort, aber unsere Arme strecken wir aus in die ganze Welt, lassen uns inspirieren von den Ideen der verschiedenen Kulturen. Diese Verbundenheit mit der heimatlichen Erde lässt sich aus vielen seiner Skulpturen herauslesen, die, im Boden verankert als entwüchsen sie ihm gerade, Ruhe und Kraft in die Welt ausstrahlen - und manchmal auch ein Fragezeichen. Gleichsam wie nach dem Grund unserer Existenz.

«Gegen Orientierung, Stabilität und Wissen - Unsicherheit und Staunen.»

Ein weiterer Umstand - ob nun glücklicher Zufall oder nicht - ist, dass Eisen und Stahl eine lange Tradition im Baskenland haben, wo - ähnlich dem Ruhrgebiet - über Hunderte von Jahren Erz verhüttet und Stahl verarbeitet wird. 1951, gleich nach der Rückkehr ins Baskenland, installiert er in seinem Atelier einen eigenen Schmiedeherd und schafft mit Hilfe eines ortansässigen Schmieds seine erste abstrakte Eisenskulptur, Ilarik (Grabstele). Zeitlebens hat Chillida Eisen nie gegosssen. Auch seine großen Stahlskulpturen - viele in Stahlwerken der Region (in Legazpi oder Reinosa) gefertigt - sind massiv. Das Hämmern und Biegen von Metall ist wohl bezeichnend für seinen lebenslangen Kampf nach dem "wahren" Ausdruck.

«Mein Leben ist ein Abenteuer gewesen, ich habe es bei jedem Werk auf's Spiel gesetzt.»
[Eduardo Chillida. Übersetzung aus dem Führer zum Museo Chillida-Leku: TEW]

«Mein Leben und mein Werk bestanden immer daraus,
das zu tun zu versuchen, was ich nicht zu tun wusste,
und so habe ich meine Zeit fragend, zweifelnd, suchend verbracht.»
[Eduardo Chillida. Übersetzung aus dem Führer zum Museo Chillida-Leku: TEW]

Eine Besonderheit in Chillias Werk ist, dass er - als erster Bildhauer überhaupt? - filigrane Skulpturen aus Beton herstellte. (Aber wo ist das Material, das er in seinem Leben nicht antastete?) Diese eher architekturalen Betonskulpturen erinnern daran, dass Chillida zwischen 1943 und 1947 zunächst Architektur in San Sebastián und Madrid studierte, bevor er seinem inneren Ruf zum Künstler folgte.

«Dieses beharrliche Zurückdrängen der Grenzen der Herstellungsmittel ist, was seinem Werk seine Orginalität gegeben hat, seinen monumentalen Arbeiten ihre Leichtigkeit und was solch festen Elementen wie Beton und Stahl erlaubt, von ihrer Schwere befreit zu werden - ohne ihre Eigenart zu verlieren.»
[Prinz-von-Asturien-Stiftung anlässlich der Preisverleihung]

Zu Deutschland entwickelte Chillida ein besonderes Verhältnis. Vertraut mit den Schriften von Heidegger (den er 1968 kennenlernte) schuf er für dessen 1969 entstandenen Buchtitel "Die Kunst und der Raum" Litho-Collagen. Seine Wertschätzung für deutsche Dichter, Denker und Musiker schlug sich in zahlreichen Arbeiten (z.B. Bach, Goethe, Novalis) nieder. So kommt es auch, dass nur in Spanien mehr seiner Kunstwerke im öffentlichen Raum zu finden sind als in Deutschland. Umgekehrt sind ihm schon früh viele deutsche Preise und Ehrungen zuteil geworden (siehe unten).

Besondere Erwähnung muss Chillidas besondere Auffassung vom Raum finden. Obschon ein jede Skulptur als dreidimensionales Objekt Raum einnimmt - abgesehen vielleicht von Licht- oder Klangskulpturen -, so kann sie das doch auf ganz unterschiedliche Weise. So wie die klassische Skulptur als massives Volumen einen Platz im Raum verdrängt (ggf. auch zu beherrschen sucht), so gelang es Kricke beispielsweise schon in den 1960er Jahren, den Raum in eine (scheinbare) Bewegung zu versetzen. Er adressierte den grenzenlosen, unendlichen Raum um die Skulptur herum und lud ihn förmlich mit Geschwindigkeit und Energie auf. Dieses In-den-Raum-Ausstrahlen der Skulptur, diese gewisse Offenheit findet sich bespielsweise auch in Chillidas Elogio del Horizonte in Gijón wieder (ohne Krickes Gestus allerdings).

Charakteristischer für Chillidas Arbeiten ist jedoch, wie sich die raum-besetzende Masse auf der einen Seite und die umschlossene Leere auf der anderen Seite gegenseitig bedingen. Von der Skulptur physisch besetzer Raum hier und leerer Raum dort sind bei ihm untrennbar aufeinander bezogen - bis zu dem Punkt, bei dem man sich fragen muss, ob am Ende eher der Leerraum oder eher das Stoffliche (sei es Corten-Stahl, Stein oder Schamott) die Skulptur repräsentiert. Im Skulpturenpark des Museums Chillida-Leku finden sich dazu u.a. die Beispiele Elogio de la arquitectura XV (1996) oder Esertoki III (1990).

«Voluminöse Skulpturen (...) interagieren mit räumlicher Leere, deren nicht greifbare Stofflichkeit derjenigen der physisch erfahrbaren Substanzen gleichkommt und sie bisweilen sogar zu übertreffen scheint. (...) Die beiden Teile, der greifbare und der ungreifbare, sind so ineinander verflochten, dass die resultierenden Skulpturen gleichzeitig aus Materie und aus Raum bestehen.»
[Thomas M. Messer 1993]

Dieser innere leere Raum hat bei Chilldia eine geistige Dimension. Hier konkretisiert sich die Empfindung. Er sucht im Betrachter sein Echo zu finden.

«In der Tiefe atmet die Luft oder der Geist, waltet ein unnennbarer, sich nicht enthüllender Urgrund, der sich aller Formung entzieht. Dem Menschen bleibt die Ahnung, das Sich-Herantasten an eine andere Wahrheit als die der Welt. »Näher dem Unbekannten« trachtete Chillida zu kommen, sich einzuschiffen in das Floß des Unsagbaren und Unbekannten. Er ist einer der seltenen Künstler, die in der Kunst nicht die Zurschaustellung suchten, sondern die demütige Frage. Er bildet, formt und er-öffnet Fragen, die er uns in der Hoffnung anheimgibt, wir möchten die geistige Schönheit der Frage erkennen.»
[Sophia Willems: Eduardo Chillida: »Näher am Unbekannten«. In: Heinz Althöfer (Hrsg.): Informel. Die Plastik - Gestus und Raum. Museum am Ostwall Dortmund, Dortmund, 2003, S. 58]

An Chillidas umfangreiches druckgrafisches Werk erinnern etwa die Arbeiten Escuchando la Piedra II (1995), Jaula de la Libertad (1996/98) oder Mural G-333 (1998).







Ehrungen und wichtige Ausstellungen

1956 Erste größere Einzelausstellung mit 27 Skulpturen in der renommierten Pariser Galerie Maeght.
1958 Ausstellung im Guggenheim Museum in New York;
großer internationaler Preis für Skulptur auf der 29. Biennale in Venedig;
Preis der Graham Foundation, Chicago.
1959 documenta 2, Kassel (an der er insgesamt viermal teilnimmt)
1960 Ausstellung im Museum of Modern Art, New York;
Kandinsky-Preis, Paris
1961 Rhode Island Arts Club Preis, Providence
1964 Carnegie-Preis für Skulptur, Pittsburgh; Ausstellung in der Tate Gallery, London
1966 Wilhelm-Lehmbruck-Preis, Duisburg
1970 Premio Wellington für Skulptur, Madrid
1971 Ernennung zum Mitglied der Akademie der Bildenden Künste, München
1975 Rembrandt-Preis der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Stiftung, Frankfurt a. M.
1978 Andrew-W.-Mellon-Preis in Pittsburgh (zusammen mit Willem de Kooning)
1983 Ernennung zum Ehrenmitglied der Royal Academy of Arts, London;
Europäischer Preis der Künste, Straßburg
1984 Goldmedaille der Schönen Künste der Universität des Baskenlandes
1985 Verleihung des Kaiserringes der Stadt Goslar;
Richardo-Wolf-Preis, Wolf-Foundation, Israel
1986 Rivista-Euzkadi-Preis, Bilbao
1987 Principe de Asturias de las Artes-Preis, Madrid;
Lorenzo-il-Magnifico-Preis, Florenz
1988 Orden pour le mérite für Wissenschaft und Künste der Bundesrepublik Deutschland
1989 Verleihung des Ehrentitels für Architektur durch den spanischen Architektenverband
Consejo Superior de los Clegio de Arquitectos de España
1991 Praemium Imperiale der Japan Art Association
1998 Kulturpreis 'La Rosa d'Oro', Palermo;
Lifetime Achievement in Contemporary Sculpture Award, International Sculpture Center, Washington D.C.
2000 Piepenbrock Preis für Skulptur, Berlin

Seit 1979 Retrospektiven in den großen Museen rund um die Welt.







Literaturempfehlung

[Messer 1993] Thomas M. Messer: Eduardo Chillida - eine Retrospektive. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Kulturgesellschaft Frankfurt mbH, 1993. Katalog zur Ausstellung (165 Werke) im Sommer 1993. [24.2 x 31.4 cm, 204 S., davon 152 S. Katalogteil mit hervorragenden, ganzseitigen Abbildungen, durchgängig farbig. Die wunderbaren einleitenden Texte des Kurators Messer sowie von Kosme de Barañano erlauben es, sich in Chillidas Denken und den Schaffensprozess einzufühlen. Mit ausführlicher Biografie sowie Katalog-, Monografien- und Aufsatzverzeichnis]
[Schmidt 2000] Sabine Maria Schmidt: Eduardo Chillida - Die Monumente im öffentlichen Raum. Chorus Verlag, broschiert, 2000, Dissertation, 560 Seiten [Rezension]
[Boulting 1985] Eduardo Chillida. DVD, 59 Minuten Spielzeit, Arthaus Musik, 1985. Regie: Laurence Boulting. Eine Produktion von RM Arts und ETB (dem Baskischen Fernsehen) in Zusammenarbeit mit dem WDR, Köln. [Der Künstler kommt hier viel selbst zu Wort (in Englisch, dann mit deutschen Untertiteln). Eine Sequenz zeigt ihn auch im Stahlwerk. Hie und da etwas längliche, meditative Musikpassagen. Nur die deutsche Sprachversion scheint neu zu sein: ursprünglich in Englisch, Baskisch und Spanisch]
[Müller 2012] Eduardo Chilida. Hrsg. Markus Müller, Hirmer Verlag, 2012 [Hardcover, zweisprachig deutsch/englisch, 21.6 x 27.9 cm, 224 S., bibliophil gestaltet. Der Text steht im Vordergrund, die (zahlreichen) Abbildungen (viele ganzseitig) werden eingestreut. Der Text kommt dabei leider reichlich trocken-akademisch daher, an dem von Thomas M. Messer / Kosme de Barañano kann er sich nicht messen. Beispiele: "Der skulpturale Anwendungsbezug dieser zeichnerischen Reflexionen [der Hand] wird spätestens mit Blick auf das Skulpturenensemble des Peines del viento, also der Windkämme, sinnfällig (...)" oder "Im Zusammenhang mit dieser für Chillidas Schaffen typischen Materialeuphorie gesellte sich zur Trias der Eisen-, Holz- und Alabasterskulpturen Ende der 1970er Jahre die Auseinandersetzung mit gebranntem Schamotte-Ton und seiner porösen, bisweilen grokörnigen Oberflächentextur.").
[Boiss 2012] Eduardo Chillida: Radierungen, Lithographien, Holzschnitte und Siebdrucke, Arbeiten auf Papier und Skulpturen. Galerie Boisserée und Chillida Ignacio, Köln, 2012






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