Die Welt des Eduardo Chillida

* 1924 San Sebastián † 2002 San Sebastián



Leben und Werk

«Musik in Eisen.»
[Ein Elektriker, der Chillida anlässlich einiger Reparaturen besuchte
und von den umherstehenden Skulpturen fasziniert war.]


Foto: Paco Marí,
Wikimedia Commons

1947 bricht Chillida sein Architekturstudium, das er 1943 in San Sebastián aufgenommen hatte, ab und widmet sich, noch in Madrid, der Zeichnung. Im Jahr darauf zieht er nach Paris, »wo man einfach hingehen muss.« Hier kommt er insbesondere mit der Literatur der deutschen Romantik - Goethe, Novalis, Hölderlich - in Kontakt, die er in der französischen Übersetzung liest. Sein bildhauerisches Schaffen beginnt in Gips, inspiriert durch Kunst der griechischen Antike im Louvre, und später in Stein. Diese Arbeiten stehen noch in der Tradition von Brancusi und Arp. 1951 kehrt Chillida in seine Heimat, das Baskenland, zurück: Ich bin einer von denen, die und für mich ist das sehr wichtig denken, dass Menschen von einem Ort stammen. Idealerweise stammen wir von einem Ort, haben unsere Wurzeln in einem Ort, aber unsere Arme strecken wir aus in die ganze Welt, lassen uns inspirieren von den Ideen der verschiedenen Kulturen. Diese Verbundenheit mit der heimatlichen Erde lässt sich aus vielen seiner Skulpturen herauslesen, die - im Boden verankert als entwüchsen sie ihm gerade - Ruhe und Kraft in die Welt ausstrahlen, eine Selbstgewissheit auf der einen Seite und eine Offenheit für die Welt auf der anderen. Es ist die Offenheit einer Frage, wie die nach dem Grund unserer Existenz. Ein Erkenne-dich-selbst, im Dialog mit dem Gegenüber und der Welt.

«Gegen Orientierung, Stabilität und Wissen - Unsicherheit und Staunen.»
[Eduardo Chillida]

Ob nun glücklicher Zufall oder nicht, Eisen und Stahl haben im Baskenland eine lange Tradition: über Hunderte von Jahren wurde hier - ähnlich dem Ruhrgebiet - Erz verhüttet und Stahl verarbeitet. In der Tradition des Pioniers der Metallplastik, des Spaniers Julio González, der 1908 die erste Eisenplastik geschaffen hatte, wendet sich Chillida nun dieser Technik zu und fängt in der Schmiede von Manuel Illarramendi an zu arbeiten. Mit Hilfe des ortansässigen Schmieds fertigt er, aus Eisen, seine erste nicht-abstrahierte Skulptur: Ilarik (baskisch für: Grabstele) [Foto]. Mit ihr überwindet er nicht nur sein volumen-orientiertes Frühwerk aus Stein, sie weist bereits ein Leitmotiv seines späteren Werks auf: In Ilarik verbinden sich das Im-Grunde-Ruhen und die Gewissheit seiner Selbst einerseits mit dem Ausgreifen in den Raum, mit dem Sich-dem-Raum-Öffnen andererseits.

«Ich entschloss mich, Eisen als Material zu nehmen, weil ich fühlte, dass seine relative Fügsamkeit mir helfen würde, meine vage Vorstellung zu verwirklichen. Der Stein ist kompakt. Der Block bleibt unzugänglich, er weist den Raum ab. Und um den Raum als eigentliches Material ging es mir; das Eisen sollte nur als Hilfsmittel dienen, sollte die Saite und der Bogen sein, die ihm zu Resonanz verhalfen.»
[Eduardo Chillida. In: Pierre Volboudt: Chillida. Stuttgart, 1967. zitiert nach: Carla Schulz-Hoffmann: Eduardo Chillida - Buscando la Luz, Pinakothek der Moderne, 2012, München, S. 89]

Chillida installiert sich in seinem Atelier sodann einen eigenen Schmiedeherd. Zeitlebens hat Chillida Eisen nie gegosssen. Auch seine großen Stahlskulpturen sind massiv, viele sind in Stahlwerken der Region (in Legazpi oder Reinosa) gefertigt. Der Prozess des Hämmerns und Biegens, der Widerstand, den das Metall bietet, war wesentlich für den stets Suchenden.

«Mein Leben ist ein Abenteuer gewesen, ich habe es bei jedem Werk auf's Spiel gesetzt.»
[Eduardo Chillida. Übersetzung aus dem Führer zum Museo Chillida-Leku: TEW]

«Mein Leben und mein Werk bestanden immer daraus,
das zu tun zu versuchen, was ich nicht zu tun wusste,
und so habe ich meine Zeit fragend, zweifelnd, suchend verbracht.»
[Eduardo Chillida. Übersetzung aus dem Führer zum Museo Chillida-Leku: TEW]

Besondere Erwähnung muss Chillidas besondere Auffassung vom Raum finden. Obschon ein jede Skulptur als dreidimensionales Objekt Raum einnimmt - abgesehen vielleicht von Licht- oder Klangskulpturen -, so kann sie das doch auf ganz unterschiedliche Weise. So wie die klassische Skulptur als massives Volumen einen Platz im Raum verdrängt (ggf. auch zu beherrschen sucht), so gelang es Kricke beispielsweise schon in den 1960er Jahren, den Raum in eine (scheinbare) Bewegung zu versetzen. Er adressierte den grenzenlosen, unendlichen Raum um die Skulptur herum und lud ihn förmlich mit Geschwindigkeit und Energie auf. Dieses In-den-Raum-Ausstrahlen der Skulptur, diese gewisse Offenheit findet sich bespielsweise auch in Chillidas Elogio del Horizonte in Gijón wieder (ohne Krickes Gestus allerdings).

Charakteristisch für Chillidas Arbeiten ist, wie sich die raum-besetzende Masse auf der einen Seite und die umfangene Leere auf der anderen Seite gegenseitig bedingen. Von der Skulptur physisch besetzer Raum hier und leerer Raum dort sind bei ihm untrennbar aufeinander bezogen - bis zu dem Punkt, bei dem man sich fragen muss, ob tatsächlich das stoffliche Material (sei es Corten-Stahl, Stein oder Schamott) oder am Ende doch eher der Leerraum die Skulptur repräsentiert. Im Skulpturenpark des Museums Chillida-Leku finden sich dazu u.a. die Beispiele Elogio de la arquitectura XV (1996) oder Esertoki III (1990).

«Voluminöse Skulpturen (...) interagieren mit räumlicher Leere, deren nicht greifbare Stofflichkeit derjenigen der physisch erfahrbaren Substanzen gleichkommt und sie bisweilen sogar zu übertreffen scheint. (...) Die beiden Teile, der greifbare und der ungreifbare, sind so ineinander verflochten, dass die resultierenden Skulpturen gleichzeitig aus Materie und aus Raum bestehen.»
[Thomas M. Messer 1993]

Dieser innere leere Raum hat bei Chilldia eine geistige Dimension. Hier konkretisiert sich die Empfindung. Er sucht im Betrachter sein Echo zu finden.

«In der Tiefe atmet die Luft oder der Geist, waltet ein unnennbarer, sich nicht enthüllender Urgrund, der sich aller Formung entzieht. Dem Menschen bleibt die Ahnung, das Sich-Herantasten an eine andere Wahrheit als die der Welt. »Näher dem Unbekannten« trachtete Chillida zu kommen, sich einzuschiffen in das Floß des Unsagbaren und Unbekannten. Er ist einer der seltenen Künstler, die in der Kunst nicht die Zurschaustellung suchten, sondern die demütige Frage. Er bildet, formt und er-öffnet Fragen, die er uns in der Hoffnung anheimgibt, wir möchten die geistige Schönheit der Frage erkennen.»
[Sophia Willems: Eduardo Chillida: »Näher am Unbekannten«. In: Heinz Althöfer (Hrsg.): Informel. Die Plastik - Gestus und Raum. Museum am Ostwall Dortmund, Dortmund, 2003, S. 58]

Zu Deutschland entwickelte Chillida ein besonderes Verhältnis. Vertraut mit den Schriften von Heidegger (den er 1968 kennenlernte) schuf er für dessen 1969 entstandene Werk "Die Kunst und der Raum" Litho-Collagen. Seine Wertschätzung für deutsche Kultur schlug sich in zahlreichen Arbeiten nieder, die er deutschen Dichtern, Denkern und Komponisten - u.a. Bach, Goethe und Novalis - widmete. So kommt es auch, dass nur in Spanien mehr seiner Kunstwerke im öffentlichen Raum zu finden sind als in Deutschland. Umgekehrt wurden ihm schon früh viele deutsche Preise und Ehrungen zuteil (siehe unten).

Eine Besonderheit in Chillias Werk ist, dass er - als erster Bildhauer überhaupt? - filigrane, aber monumentale Skulpturen aus Beton herstellte. (Aber wo ist das Material, das er in seinem Leben nicht antastete?) Diese eher architekturalen Arbeiten schaffen (auch geistige) Räume, beziehen sich auf den Raum und beziehen Raum ein.

«Dieses beharrliche Zurückdrängen der Grenzen der Herstellungsmittel ist, was seinem Werk seine Orginalität gegeben hat, seinen monumentalen Arbeiten ihre Leichtigkeit und was solch festen Elementen wie Beton und Stahl erlaubt, von ihrer Schwere befreit zu werden - ohne ihre Eigenart zu verlieren.»
[Prinz-von-Asturien-Stiftung anlässlich der Preisverleihung]

Auf Chillidas umfangreiches druckgrafisches Werk verweisen etwa die Arbeiten Escuchando la Piedra II (1995), Jaula de la Libertad (1996/98) oder Mural G-333 (1998).







Ehrungen und wichtige Ausstellungen

1956 Erste größere Einzelausstellung mit 27 Skulpturen in der renommierten Pariser Galerie Maeght.
1958 Ausstellung im Guggenheim Museum in New York;
großer internationaler Preis für Skulptur auf der 29. Biennale in Venedig;
Preis der Graham Foundation, Chicago.
1959 documenta 2, Kassel (an der er insgesamt viermal teilnimmt)
1960 Ausstellung im Museum of Modern Art, New York;
Kandinsky-Preis, Paris
1961 Rhode Island Arts Club Preis, Providence
1964 Carnegie-Preis für Skulptur, Pittsburgh; Ausstellung in der Tate Gallery, London
1966 Wilhelm-Lehmbruck-Preis, Duisburg
1968 4. documenta, Kassel (Chillida ist mit 14 Werken vertreten)
1970 Premio Wellington für Skulptur, Madrid
1971 Ernennung zum Mitglied der Akademie der Bildenden Künste, München
1975 Rembrandt-Preis der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Stiftung, Frankfurt a. M.
1978 Andrew-W.-Mellon-Preis in Pittsburgh (zusammen mit Willem de Kooning)
1983 Ernennung zum Ehrenmitglied der Royal Academy of Arts, London;
Europäischer Preis der Künste, Straßburg
1984 Goldmedaille der Schönen Künste der Universität des Baskenlandes
1985 Verleihung des Kaiserringes der Stadt Goslar;
Richardo-Wolf-Preis, Wolf-Foundation, Israel
1986 Rivista-Euzkadi-Preis, Bilbao
1987 Principe de Asturias de las Artes-Preis, Madrid;
Lorenzo-il-Magnifico-Preis, Florenz
1988 Orden pour le mérite für Wissenschaft und Künste der Bundesrepublik Deutschland
1989 Verleihung des Ehrentitels für Architektur durch den spanischen Architektenverband
Consejo Superior de los Clegio de Arquitectos de España
1991 Praemium Imperiale der Japan Art Association
1996 Jack Goldhill Award der Royal Academy of Arts, London
1998 Kulturpreis 'La Rosa d'Oro', Palermo;
Lifetime Achievement in Contemporary Sculpture Award, International Sculpture Center, Washington D.C.
1998/99 Große Retrospektive mit über 200 Werken, zunächst im Museo de Arte Reina Sofía, Madrid, dann im Guggenheim Museum, Bilbao
2000 Piepenbrock Preis für Skulptur, Berlin

Seit 1979 Retrospektiven in den großen Museen rund um die Welt.







Literaturempfehlung

[Messer 1993] Thomas M. Messer: Eduardo Chillida - eine Retrospektive. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Kulturgesellschaft Frankfurt mbH, 1993. Katalog zur Ausstellung (165 Werke) im Sommer 1993. [24.2 x 31.4 cm, 204 S., davon 152 S. Katalogteil mit hervorragenden, ganzseitigen Abbildungen, durchgängig farbig. Die wunderbaren Aufsätze des Kurators Messer sowie von Kosme de Barañano erlauben es, sich in Chillidas Denken und seinen Schaffensprozess einzufühlen. (Bis heute m.E. unübertroffen.) Mit ausführlicher Biografie sowie Katalog-, Monografien- und Aufsatzverzeichnis]
[Klar 2018] Alexander Klar (Hrsg.): Eduardo Chillida. Architekt der Leere. Verlag Buchhandlung Walther König, Köln, 2018. Ausstellungskatalog Museum Wiesbaden [gebunden, Deutsch/Englisch, 25.3 x 30.7 cm, 200 Seiten, mit 170 meist farbigen, teils ganzseitigen Abbildungen] [Buchbesprechung]
[Boulting 1985] Eduardo Chillida. DVD, 59 Minuten Spielzeit, Arthaus Musik, 1985. Regie: Laurence Boulting. Eine Produktion von RM Arts und ETB (dem Baskischen Fernsehen) in Zusammenarbeit mit dem WDR, Köln. [Der Künstler kommt hier viel selbst zu Wort (in Englisch, dann mit deutschen Untertiteln). Eine Sequenz zeigt ihn auch im Stahlwerk. Hie und da etwas längliche, meditative Musikpassagen. Nur die deutsche Sprachversion scheint neu zu sein: ursprünglich in Englisch, Baskisch und Spanisch]
[Schmidt 2000] Sabine Maria Schmidt: Eduardo Chillida - Die Monumente im öffentlichen Raum. Chorus Verlag, broschiert, 2000, Dissertation, 560 Seiten [Buchbesprechung]
[Müller 2012] Eduardo Chilida. Hrsg. Markus Müller, Hirmer Verlag, 2012 [Hardcover, zweisprachig deutsch/englisch, 21.6 x 27.9 cm, 224 S., bibliophil gestaltet. Der Text steht im Vordergrund, die (zahlreichen) Abbildungen (viele ganzseitig) sind eingestreut. Bisweilen kommt der Text etwas spröde daher, e.g.: "Der skulpturale Anwendungsbezug dieser zeichnerischen Reflexionen [der Hand] wird spätestens mit Blick auf das Skulpturenensemble des Peines del viento, also der Windkämme, sinnfällig (...)" oder "Im Zusammenhang mit dieser für Chillidas Schaffen typischen Materialeuphorie gesellte sich zur Trias der Eisen-, Holz- und Alabasterskulpturen Ende der 1970er Jahre die Auseinandersetzung mit gebranntem Schamotte-Ton und seiner porösen, bisweilen grobkörnigen Oberflächentextur.").
[Boiss 2012] Eduardo Chillida: Radierungen, Lithographien, Holzschnitte und Siebdrucke, Arbeiten auf Papier und Skulpturen. Galerie Boisserée und Chillida Ignacio, Köln, 2012 [ähnlich: Katalog von 2017 (PDF)]






Weiterführende Hinweise






Dr. Emden-Weinert Version 2.6 created: 2008/9/3, last changed: 2019/02/06