Die Welt des Bernar Venet

*20. April 1941 in Château-Arnoux/Frankreich, lebt und arbeitet in New York City



Leben

Schon im Alter von 10 Jahren zeichnet und malt Venet viel. 1959/60 arbeitet er als Bühnenbildner an der Oper von Nizza. 1964, 1965 und 1967 nimmt er an den Ausstellungen im Salon Comparaisons des Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris teil. Venet lässt sich 1966 in New York nieder. 1968 ist er an der Prospect 1968 in Düsseldorf beteiligt. Von 1971 bis 1976 zieht er sich von der New Yorker Szene zurück, er entscheidet sich (ähnlich wie zuvor schon Duchamp), keine Kunst mehr zu produzieren. Venet kehrt nach Paris zurück und lehrt an der Universität von Sorbonne Kunsttheorie. Im September 1976 schließlich geht er nach New York zurück und beginnt wieder, Kunst zu schaffen.

1989 kauft er eine alte Fabrik und Wassermühle in Le Muy, Südfrankreich, wo er seither die Sommermonate verbringt. Jacques Chirac, damaliger Oberbürgermeister von Paris, lädt ihn 1994 ein, 12 monumentale Stahlskulpturen zu schaffen, um sie auf den Champs de Mars auszustellen. Diese Ausstellung ist der Startschuss für Open-Air-Ausstellungen seiner Arbeiten in zahlreichen Großstädten auf der ganzen Welt.

Werk: zwischen Rationalität und Zufall

Bei seinen frühen Gemälden zeigte sich Venet von Paul Klee beeinflusst. 1961 malte er gestische Abstraktionen mit den Füßen, die von schwarzen Teerbildern abgelöst wurden. Im Verlauf zweier Jahrzehnte beschäftigte sich Venet mit so unterschiedlichen Formen von Kunst wie Malerei, Poesie, Choreographie bis hin zu Film und Möbeln aus Stahl. Seine erste Skulptur (1963) ist ein Kohlehaufen ohne besondere Form - auf den Boden geschüttet.

Venet fühlte sich zu den amerikanischen Minimalisten der 1960er Jahre hingezogen: mit Dan Flavin, Donald Judd und Sol LeWitt war er befreundet und tauschte Arbeiten aus. Wie sie interessierte er sich für Skulptur, die aus sich selbst heraus definiert ist, die - beispielsweise im Gegensatz zu expressionistischer Malerei - nichts ist außer sie selbst ist (also z.B. nicht dem Zweck dient, Gefühle zu transportieren). Solche Kunst, deren Konstruktion einem logischen Gesetz entspringt, das zuvor festgelegt wurde, und dem es dadurch gelingt, subjektive Befindlichkeiten auf Seiten des Künstlers auszuschließen, bezeichnet Venet als rational.

»Man kann Kunst nicht länger empirisch entwickeln.« [Bernar Venet]

Über den Künstler schreibt Venet:

»Seine Nachforschungen sollten nicht als ihr Ziel haben, das, was er weiß und was er daher ist, zu bestätigen. Man muss diese statische Kohärenz, die einem in sich geschlossenen System entspricht, meiden.« [Bernar Venet]

An mathematischen Formeln und Symbolen, die er in den späten 1960ern auch als Kunst ausstellt, fasziniert ihn, das sie nur eine einzige, genau begrenzte Bedeutung haben. In mathematischen Symbolen findet er von nun an das extrinsische System, das ihm die (eine) Bedeutung seiner Skulpturen definiert.

Die Werkgruppe der Kreisbögen illustriert das sehr schön: der Werktitel gibt hier in minimalistischer Kürze darüber Auskunft, wie viel Grad der Ausschnitt aus dem vollen Kreis der Bogen jeweils entspricht.

Doch so, wie eine mathematische Maßangabe noch nicht etwa die Größe, das Gewicht, das Material oder auch die Ausrichtung einer Skulptur im Raum verrät, so tritt neben die Rationalität schon sehr bald ein weiteres konstitutive Element seiner Kunst: der Zufall. In einem Happening lässt er zahllose schwere Vierkantstähle, die nebeneinander aufrecht an der Wand lehnen, mit Getöse umstürzen, indem er einen von ihnen anstößt, der dann die anderen wie Dominosteine in Bewegung setzt. Die Prozedur ist kalkuliert, der Ausgang unbestimmt.

Der an sich langweiligen geometrischen Form des Kreises gewinnt er einen Reiz ab, indem er mehrere identische Kreisbögen parallel hintereinander stellt - nur dass sie wie zufällig gegeneinander verdreht sind. Die Spannung tritt hier durch die - intuitiv gefundene - Unregelmäßigkeit ins Werk. Später wird Venet mehrere Gruppen solcher multipler Kreisbögen im Raum aufstellen und zueinander in Beziehung treten lassen.

Gänzlich irregulär schließlich sind Venets »lignes indéterminées« (unbestimmte Linien): ein oder zwei Vierkantstähle, die durch langes Walzen spiralförmig aufgedrillt sind.



Auszeichnungen und Ehrungen

1974 Venet vertritt (zusammen mit Honegger und Morellet) Frankreich auf der 13. Biennale in São Paulo
1977 Einladung zur documenta VI, Kassel
1978 38. Biennale von Venedig
1989 Grand Prix des Arts de la Ville de Paris
1996 Chevalier des Arts et Lettres (verliehen durch den Kultusminister von Frankreich)
1997 Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste, Salzburg, Österreich
2005 Chevalier de la Légion díHonneur (verliehen durch die französische Regierung)
2006 Robert-Jacobsen-Preis der Würth-Stiftung
2009 53. Biennale von Venedig


Einzelausstellungen (Auswahl)

1964 Galerie Ursula Girardon, Paris
1970 Museum Haus Lange, Krefeld;
Kunsthaus Hamburg
1971 Cultural Center, New York
1975 Museu de Arte Moderna, Río de Janeiro
1976 La Jolla Museum of Contemporary Art, Kalifornien
1977 Musée d'Art Moderne, Saint-Étienne/Frankreich (ebenso 1998)
1987 Museum Quadrat, Bottrop
1988 Graduation (ein modernes Ballet, entstanden 1966), Oper von Paris
1993 Retrospektive im Musée d'Art Moderne et d'Art Contemporain, Nizza (ebenso 2003) / Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen
1994 Museo de Arte Moderno de Bogotá/Kolumbien;
Nationalmuseum für Gegenwartskunst, Seoul/Süd-Korea (ebenso 2007)
1995 Kunstmuseum, Hongkong;
Kunstmuseum, Schanghai/China
1997 Musée de Peinture et de Sculpture, Grenoble;
Musée National des Beaux-Arts, Quebec/Kanada
1999 Musée d'Art Moderne et d'Art Contemporain, Genf
2000 Museu de Arte Moderna, Río de Janeiro;
Museu Brasileiro da Escultura, Sao Paulo
2002 Centre Georges Pompidou, Paris;
Ludwig Museum, Koblenz
2003 Jardin des Tuileries, Paris
2005 Museum Würth, Künzelsau
2007 Museum Küppersmühle, Duisburg
2008 Kunsthalle Darmstadt
2009 Palais des Beaux-Arts, Brüssel
2010 Krauthügel, Salzburg;
Retrospektive zu Venets Konzeptkunst und Malerei im IVAM, Valencia
2011 Blickachsen 8 (Installation mit neun Skulpturen vor dem IG-Farben-Haus, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, Campus Westend), Frankfurt am Main;
Chateau de Versailles (Installation mit sieben Skulpturen);
Kunstmuseum Seoul, Südkorea


Literaturhinweise und Links

[Venet] Webseite des Künstlers
[Ros 10] Barbara Rose: Bernar Venet - La paradoja de la coherencia / The paradox of coherence. Hrsg. Institut Valencià d'Art Modern (IVAM) und Kulturreferat der Regierung von Valencia, Valencia, 2010. Online-Katalog zur Ausstellung im Institut Valencià d'Art Modern (IVAM), 2010 (240 S., auf Spanisch und Englisch)
[Len 07] Thierry Lenain: Bernar Venet. Flammarion, Paris, 2007 (320 S., in Englisch)
[Joc 03] Peter Joch: Bernar Venet - Formeln des Irregulären. Galerie Scheffel, Bad Homburg vor der Höhe, 2006. Katalog zur Ausstellung 2003 im Kulturzentrum Englische Kirche und in der Galerie Scheffel.
[Sme 07] Walter Smerling (Hrsg.): Bernar Venet - System und Zufall. Werkschau im Museum Küppersmühle, Duisburg, 9. September - 28. Oktober 2007. Verlag Wienand, Köln, 2007
[Whi 07] Bernar Venet: Monumental Works. 12 großformatige Skulpturen in San Diego, 2007 - 2009. Scott White Contemporary Art Gallery.
[Fri 09] Nat Friedman: Bernar Venet at omi : line and arcs. Hyperseeing, 2009. Zur Ausstellung zweier Skulpturen im "The Fields Sculpture Park" am Omi International Arts Center in Ghent, New York
[ku 09] Bernar Venet - unlösbar. Skulpturen, Gemälde, Konzepte. Zur Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt, 2009



Dr. Emden-Weinert created: 2011/04/17, last changed: 2012/01/28